
„Ich singe dir mit Herz und Mund“ – Sonntag Kantate
Kennen Sie ein Lied mit 18 Strophen? „Ich singen dir mit Herz und Mund“ hat diese barocke Größe aufzuweisen. Wahrscheinlich sind Ihnen die ersten Strophen dieses eingängigen Glaubensliedes bekannt. Der deutsche Kirchenliederdichter Paul Gerhardt ist der Verfasser dieses Liedes und vieler umfang- und inhaltsreicher anderer Liedtexte. Der Inhalt ist für unsere Ohren bei der ersten Begegnung meistens ungewohnt. Die Texte muss man mehrmals lesen und am besten singen, dann finden sie schnell den Weg in unser Inneres. Für mich ist die neunte Strophe der Favorit. „Du füllst des Lebens Mangel aus“ – ich denke an die vielen Leerstellen, die wir alle im Laufe unseres Lebens ansammeln. Unglaublich, da stellt Paul Gerhardt Gott hinein. Gott ist da, wo der Mangel ist. Was für ein Trost. So sind Paul Gerhardts Lieder für uns ein Zeugnis von tiefem Gottvertrauen. Zu seinen Lebzeiten hatte der 30jährigen Krieg viel Mangel hervorgebracht. Es herrschte Krisenzeit, Trost und Hoffnung waren nötig. Auch bei uns sind Krisen an der Tagesordnung und wir brauchen genau das, was die Menschen damals nötig hatten.
In diesem Jahr wird an vielen Orten seinem 350 Todestag gedacht. So ist es besonders schön, dass die musikalische Leitung des Gottesdienstes Kantate sich bei der Vorbereitung für dieses Lied als Grundton des Gottesdienstes entschied. Aber 18 Strophen und eine gutsingbare Melodie wird das nicht spätestens nach der 5. Strophe zäh wie Kaugummi? Was sagten die Besucher nach dem Gottesdienst? Hören wir Annegrit: „Ich hatte fast während des gesamten Gottesdienstes eine Gänsehaut, und das lag nicht an der Temperatur in der Kirche. Ich denke, dass Glauben durch die Musik zusammen mit den Worten eine viel größere Tragweite erreicht.“ Auch die jüngeren Besucher und Mitwirkende im Gottesdienst, unser Jungbläserinnen, hatten strahlende Augen. Sie hatten ja auch super gespielt. Florentine fand: „Der Gottesdienst war richtig schön!“ und Henriette, Greta und Theo schlossen sich dem Lob an.
Ein Lob, dass allen Mitwirkenden an diesem schönen, musikalischen Gottesdienst gilt. Paul Gerhardt hätte sich bestimmt gefreut über die Vielfalt, die Freude und die Zuversicht, die seine Musik uns heute noch gibt.
Ute Henschel
